Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)

Migration in globaler Perspektive

  

 


Kurzbeschreibung


Wir interessieren uns für alle Aspekte menschlicher Mobilität in globaler Perspektive. Diese Perspektive berücksichtigt zwei Dimensionen. Zum einen ist Migration offensichtlich ein globales Phänomen, das den Alltag von Menschen überall auf der Welt prägt. "Global" bezieht sich jedoch ebenso auf die umfassende Dimension, einen Beitrag zum Verständnis unserer gegenwärtig in Transformation begriffenen Welt zu leisten— und zwar aus dem Blickwinkel der Migration.

Da wir uns in Europa von Einwanderungsländern zu Migrationsgesellschaften entwickelt haben, ist kaum ein Bereich unseres Zusammenlebens nicht von Migration geprägt. Migrationsforschung ist für uns daher keine Forschung über eine spezifische Bevölkerungsgruppe (etwa: die Migrantinnen). Vielmehr baut sie in der Anlage ihrer Wissensproduktion Brücken über soziale, staatliche und disziplinäre Grenzen hinweg.

Migration ist keine Ausnahme. Daher setzen wir uns für konzeptuelle, methodische und epistemische Neufassungen mit weitgehenden gesellschaftspolitischen Konsequenzen ein. Im Gegensatz zu Ansätzen, die Migration als abgeschlossenes, exzeptionelles Phänomen und Migrant*innen als soziale Gruppe quasi vor, während oder nach der Migration verorten, interessiert uns das produktive Potenzial menschlicher Mobilität.

Wenn wir von einer Migrationsgesellschaft ausgehen, fragen wir: Welche Bedingungen, Praktiken und Diskurse begleiten die »Migrantisierung unserer Gesellschaften«? Dabei sind auch andere Zirkulationsformen relevant, wie die Mobilität von Arbeit, Waren und Daten, die auf globalen technischen, sozialen, politischen und finanziellen Infrastrukturen aufbauen. Ohne die digitale Revolution wären sie undenkbar. Wir untersuchen, wie wir menschliche Mobilität unter diesen Bedingungen zu verstehen haben.

Entsprechend hat unsere Perspektive methodische und methodologische Implikationen, die den Zuschnitt unserer Forschungsdesigns maßgeblich prägen. Wir forschen in den Traditionen der kritisch-ethnologischen und damit qualitativen Migrationsforschung, im engen Austausch mit unserer europäisch-ethnologischen Fachdisziplin und den international sozial- und kulturanthropologisch ausgerichteten Disziplinen. Dabei arbeiten wir in Lehre und Forschung mit Studierenden aller Ausbildungsebenen am Institut für Europäische Ethnologie zusammen. In der konzeptuellen Arbeit stehen wir den vielfältigen Traditionen kritischer Theorien nahe, die wir weiterentwickeln und neu denken. Insgesamt beanspruchen wir empirische sowie theoretische Beiträge zur Analyse gesellschaftlicher Wirklichkeit zu leisten – einer Wirklichkeit, die wesentlich migrationsgesellschaftlich geprägt ist.

 

Schließlich bildet dieses erweiterte Migrationsverständnis zugleich die Grundlage für den heute essenziellen interdisziplinären Austausch – in international orientierten Netzwerken sowie in einer offenen, transdisziplinären Zusammenarbeit mit der Gesellschaft. Im Rahmen dieser »Third Mission« der Wissenschaft arbeiten wir in Kooperation mit Kunst- und Kulturinstitutionen oder entwickeln gemeinsam mit gesellschaftlich relevanten Akteuren entsprechende Formate durch Bildungs- und Medienarbeit. Um einen solchen Perspektivwechsel zu verstärken, braucht es solche neuen Formate der Wissenschaft und des Wissensaustauschs, die einerseits auf der Kooperation mit außerwissenschaftlichen Institutionen aufbauen und das generierte Wissen der Gesellschaft dauerhaft zur Verfügung stellen. Andererseits verstehen wir diese Arbeit nicht nur als kommunikatives Instrument, sondern auch als methodische Herangehensweisen, in epistemischen Kooperationen durch die wir gemeinsam untersuchen können, wie unsere Gegenwart von Mobilitätspraktiken durchdrungen ist.

 

Wir verbinden drei Schwerpunkte unserer Lehre und Forschung:

 

Migration ist keine Ausnahme. Dies zum Ausgangspunkt zu machen, bedeutet, Migration als Perspektive auf weltweite gesellschaftliche Entwicklungen zu erforschen.

Menschliche Mobilität ist eine historische Konstante. Sie verdichtet sich jedoch mit der Ausbildung der Nationalstaaten und den kolonialen Expansionen zu dem, was wir heute als Migration bezeichnen. Nach dieser Logik werden allerdings auch Minoritäten sowie soziale, kulturelle und rechtliche Ausschlüsse bestimmt - aber auch bekämpft. So wurde die Mobilität zu einem Fall staatlicher Regulierung, was uns heute scheinbar unanfechtbar als Mantra des »migration exceptionalism« begegnet.

Von Anfang an ist dieser Exzeptionalismus auf irritierende Weise mit widersprüchlichen Versprechen verbunden: mit der Emanzipation der Bürger*innen und einem demokratischen Versprechen einerseits, mit dem steten Bedarf an Arbeitskraft und einem Versprechen auf wirtschaftliches Wachstum andererseits. Eine nach und nach erstrittene menschenrechtliche Haltung – das Versprechen auf Asyl und Schutz, das Recht auf Rechte – ist wesentlicher Teil dieser Entwicklung wie zunehmend global verflochtene Arbeits- und Lebensformen.

Diese stets widersprüchliche Verbindung überlebte nach innen in traditionellen Vorstellungen von Integration und blieb bis heute weitgehend uneingelöst. Zugleich beobachten wir ganz neue Verbindungen von Mobilität und gesellschaftlicher Transformation unter geopolitischen, postkolonialen nicht selten kriegerischen Konstellationen.

 

Streit um Migration. Durch Migration wird gesellschaftliche Veränderung erzählt, gelebt und verhandelt. Dies zu untersuchen heißt, Repräsentationsweisen von Migration gesamtgesellschaftlich zu reflektieren.

Migration ist zu einem zentralen Konfliktfeld der Gegenwart und damit zu einem Terrain politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen sowie zunehmender Instrumentalisierungen geworden. Dieser Arbeitsschwerpunkt befasst sich mit Verbindungen von Migration und Prozessen kultureller sowie anthropologischer Differenzierung in globaler Perspektive – Prozessen, die heute undenkbar ohne digitale Rekonfigurationen geworden sind.

Entscheidend sind die Repräsentationsweisen von Migration: Wie werden gesellschaftliche Veränderungen erzählt, gelebt und verhandelt? Durch welche Konzepte, Narrative und Praktiken geschieht dies in Medien im Alltag?

Unsere Arbeit ist von der Perspektive getragen, dass gesellschaftliche Verhältnisse der Migration zentral durch jeweils spezifische und sich wandelnde Konjunkturen des Rassismus strukturiert werden. Wir nehmen daher rassismustheoretische Perspektiven ein, um Differenzierungspraktiken und -logiken, die migrationsgesellschaftliche Wirklichkeit strukturieren, theoretisch und empirisch zu analysieren. Dabei interessieren uns anthropologische Konzeptionen und Konstruktionen des Verhältnisses von Humandifferenzierungen sowie die Unterscheidungen von Humanem und Inhumanem (Natur, Gott, Tier, Maschine). So ergänzen wir klassische rassismustheoretische Fragestellungen um Analysen anthropologischer und nicht-anthropologischer Differenzen und öffnen neue Horizonte. In Forschung und Lehre verstärken wir dialogisch die anthropologische Forschung hinsichtlich ihrer historischen wie aktuellen migrationsgesellschaftlichen Dimensionen.

 

Mobilitätspraxen verändern sich. Dies zu verstehen, erfordert eine empirische Aufmerksamkeit und eine reflexive Theoretisierung.

Unser dritter Arbeitsschwerpunkt untersucht veränderte Formen der Mobilität im Kontext von Digitalisierungs- und Automatisierungsprozessen sowie der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Dabei spielt, erstens, die Transformation von mobiler Arbeit eine Schlüsselrolle. Unsere Forschungen zielen darauf ab, methodologisch innovativ ein empirisch fundiertes Wissen über zeitgenössische Mobilitätspraktiken und -bedingungen zu gewinnen.

Neue Formen und Praktiken der Mobilität und Migration im Bereich der Plattformarbeit und der Automatisierung von Arbeit im Allgemeinen bilden einen Schwerpunkt der laufenden Forschungen. Zentrale Fragen sind: Wie erfordert und befördert Digitalisierung Migration bereits heute, und wie wird sie es zukünftig tun? Was bedeutet Migration (und mobile Arbeit) unter digitalen Bedingungen und in sich verändernden geopolitischen Konstellationen? Welche Auswirkungen hat der Ausbau digitalisierter und logistifizierter Grenzlandschaften über die menschliche Mobilität?

Dabei interessieren uns nicht nur die Effekte digitaler Technologien auf mobile Arbeit und die epistemischen Veränderungen für unser Verständnis von Migration. Insgesamt ist relevant, wie die Migrationsgesellschaft sich im Verhältnis zum Ausbau grundlegender technologischer Infrastrukturen von Grund auf neu konfiguriert. Hier spielt das veränderte Verhältnis von Bevölkerung, Territorium und Geschichte eine elementare Rolle. Wir untersuchen beispielweise die Auswirkungen der digitalen Transformation auf anthropologische Unterscheidungen (Frau/Mann; gesund/krank, normal/delinquent etc.) sowie auf wesentliche kulturelle Binaritäten: die sich wandelnde Beziehung zwischen öffentlich und privat, Nacht und Tag (bezogen auf Arbeit), gelebte digitale und physische Geografien und Zeitlichkeiten, Mobilität und Immobilität. Aber auch wie sich durch digitale Infrastrukturen die Vorstellungen von Gesellschaft und Gemeinschaft, aber auch von Zugehörigkeiten rekonfigurieren. Wer als anders, als fremd, als xenos angesehen wird, und die sich daraus ergebenden Kulturen und Praktiken der Ablehnung sind ebenfalls ein entscheidender Teil der kulturellen Transformationen im digitalen Zeitalter.

Februar, 2026
 




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