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Deutschland postmigrantisch II - Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Gesellschaft, Religion und Identität

Zusammenfassung zentraler Ergebnisse – Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland

Interaktionen des Deutsch-Seins: Kontakt bei Jugendlichen häufiger und Wissen personalisierter als bei Erwachsenen

1. Kontakt weitet sich aus: Die 16–25-Jährigen haben häufiger Kontakt zu Muslimen als die älteren Erwachsenen – nur 8 Prozent der Jugendlichen haben gar keinen Kontakt zu Muslimen. Die Daten zeigen außerdem, dass es eine Vielzahl von Kontakträumen gibt, in denen Muslime und Nicht-Muslime sich begegnen. Der Umgang miteinander ist insbesondere für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen Alltag: So liegt der Anteil der Jugendlichen, die in keinem zentralen Lebensbereich (Arbeit, Nachbarschaft, Familie, Freunde) Kontakt mit Muslimen haben, nur bei ca. 8 Prozent. Bei den älteren Erwachsenen beträgt dieser Anteil dagegen ca. 22 Prozent.

2. Wissen wird personalisiert: Die 16–25-Jährigen ziehen ihr Wissen über Muslime hauptsächlich aus nichtmedialen Wissensquellen – also aus der Schule und aus persönlichem Kontakt: Hauptsächlich werden hier Gespräche mit Musliminnen und Muslimen (48,3 Prozent) und Bildungsinstitutionen wie die Schule und die Universität (41,9 Prozent) als Wissensquellen genannt. Erst dann kommt das Fernsehen, das von 28,2 Prozent der jugendlichen Befragten angegeben wurde. Die über 25-Jährigen geben häufiger mediale Wissensquellen an, wobei Fernsehen mit 46,3 Prozent an vorderster Stelle steht.

3. Wissen noch immer zu gering: Über die Hälfte der 16–25-Jährigen sagen, dass sie nicht viel über Muslime wissen: Auch wenn Jugendliche und junge Erwachsene bereits in einer vielfältigeren Gesellschaft aufgewachsen sind, schätzen 61,4 Prozent ihr Wissen über Musliminnen und Muslime als gering ein.

Narrationen des Deutschseins – Jugendliche offener und weniger national verbunden als Erwachsene

4. Eigenschaften, die von Jugendlichen mit Deutschland verbunden werden, sind sowohl von Sekundärtugenden als auch von sozialen und politischen Werten bestimmt: Bei der Frage nach Eigenschaften, die mit Deutschland verbunden werden, befanden sich unter den fünf häufigsten Nennungen sowohl Sekundärtugenden wie Pflichtbewusstsein und Strebsamkeit als auch soziale Werte wie Solidargemeinschaft und politische Werte wie Demokratie. Während bei den Jugendlichen beide Merkmalsgruppen ähnlich häufig genannt wurden, nannten Erwachsene häufiger Sekundärtugenden.

5. Patriotismus und emotionale Verbundenheit sind auch bei Jugendlichen hoch – aber nationale Symbolik ist weniger wichtig als bei Erwachsenen: Eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen (77,9 Prozent) sagt: „Ich liebe Deutschland“. Allerdings legen Jugendliche und junge Erwachsene weniger Wert auf nationale Symbolik und Nation als Identifikationspunkt nach außen im Vergleich zu älteren. So ist das empfundene Positivgefühl beim Hören der Nationalhymne bei Jugendlichen deutlich schwächer als bei Erwachsenen (50,9 Prozent vs. 67,5 Prozent). Aber auch die Außenwahrnehmung, als Deutsche oder Deutscher gesehen zu werden, spielt bei Jugendlichen eine weitaus geringere Rolle als bei Erwachsenen (34,9 Prozent vs. 47,1 Prozent).

6. Verglichen mit Erwachsenen haben Jugendliche ein offeneres Verständnis von Deutschsein – Vorfahren und Akzent spielen hier eine geringere Rolle, sind allerdings für ein Drittel noch wichtig: Wichtig ist für Jugendliche – ebenso wie bei den Erwachsenen – vor allem die Fähigkeit, deutsch sprechen zu können (95,5 Prozent) sowie der Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit (76,4 Prozent). Nahezu ein Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen finden allerdings weiterhin, dass deutsche Vorfahren wichtig sind, um Deutsche_r sein zu können. Ebenso viele sind der Meinung, man müsse dafür akzentfrei deutsch sprechen. Ein Viertel meinen zudem, wer ein Kopftuch trage, könne nicht deutsch sein. Im Vergleich zu Erwachsenen haben Jugendliche damit ein offeneres Verständnis von Deutschsein.

Exklusionen des Deutschseins – Jugendliche weniger exkludierend als Erwachsene, mehr Anerkennung und Offenheit gegenüber religiöser Vielfalt

7. Stereotype Vorstellungen über Muslime sind auch bei 16–25-Jährigen vorhanden, aber auch die Abwehr von Stereotypen ist deutlich höher: Das Stereotyp, Musliminnen und Muslime seien aggressiver als „Wir“, teilen in der Altersgruppe von 16 bis 25 immer noch mehr als ein Fünftel (22 Prozent), gleichzeitig lehnen 76 Prozent der Jugendlichen dieses Stereotyp klar ab, während dies bei den Erwachsenen nur 63 Prozent ablehnen. Auch das Stereotyp, dass Musliminnen und Muslime weniger bildungsorientiert seien als ihre eigene Gruppe, wird von 30 Prozent der Jugendlichen geteilt, 62 Prozent finden jedoch, dass die Bildungsaspiration muslimischer Eltern gleich hoch ist – bei den Erwachsenen finden das nur 54 Prozent. Als eigene Gruppe wird auf Nachfrage auffallend oft (ca. 40 Prozent) „wir Deutschen“, „die deutsche Bevölkerung“, „die deutsche Gesellschaft“ oder ähnliches genannt. Muslimisch und deutsch werden dabei auch von Jugendlichen überwiegend als logische Gegenkategorien wahrgenommen, obwohl es sich hierbei einmal um eine religiöse und einmal um eine nationale Kategorie handelt.

8. Die abstrakte Anerkennung gegenüber Muslimen ist bei Jugendlichen höher als bei Erwachsenen: Eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen (85 Prozent) findet, dass es das gute Recht von Muslimen in Deutschland ist, Forderungen zu stellen (65 Prozent der Erwachsenen – also 20 Prozentpunkte weniger – empfinden das ebenso) und fast ebenso viele Jugendliche sagen, man sollte Muslimen mehr Anerkennung entgegenbringen (78 Prozent), bei den Erwachsenen sind es 67 Prozent. Während knapp ein Fünftel (19 Prozent) der erwachsenen Bevölkerung der Meinung ist, wenn Muslime Forderungen stellten, dann sei dies ein Zeichen von Undankbarkeit, stimmen dieser Aussage nur ein Zehntel der Jugendlichen zu.

9. Die Bereitschaft zur Gewährung von Anerkennung, Teilhabe und Partizipationsrechten ist bei Jugendlichen deutlich höher als bei den Erwachsenen: Tatsächlich erweisen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen als große Unterstützer der Einforderung von Anerkennung von Muslimen in konkreten Sachfragen. Rund 70 Prozent von ihnen sprechen sich für einen islamischen Religionsunterricht aus, ebenso viele (71 Prozent) befürworten ein Recht für muslimische Lehrerinnen, ein Kopftuch zu tragen, und lehnen Einschränkungen beim Bau sichtbarer Moscheen ab. Eine Mehrheit (55 Prozent) spricht sich außerdem gegen ein Verbot von Beschneidungen von Jungen aus. Damit votiert – mit Ausnahme des islamischen Religionsunterrichts – stets ein signifikant höherer Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen für die Anerkennung von Rechten als bei den älteren Erwachsenen. Diese stimmen zu 64 Prozent für ein Beschneidungsverbot, zu 52 Prozent für ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen und zu 44 Prozent für die Einschränkung des Moscheebaus.

Foroutan, Naika; Canan, Coskun; Schwarze, Benjamin; Beigang, Steffen; Kalkum, Dorina (2015): Deutschland postmigrantisch II. Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Gesellschaft, Religion und Identität Berlin: Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

Deutschland postmigrantisch II - Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Gesellschaft, Religion und Identität

Erscheinungsjahr: 2015

Personen

Prof. Dr. Naika Foroutan

Prof. Dr. Naika Foroutan

Direktorin, Leiterin der Abteilung "Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik"

Tel: +49 (0)30 2093-46255
office.bim@hu-berlin.de

Dorina Kalkum

Dorina Kalkum

Mitarbeiterin im Arbeitsbereich "Ökonomische Migrations- und Integrationsforschung"

Tel: +49 (0)30 2093-46250
dorina.kalkum@sowi.hu-berlin.de

Steffen Beigang

Steffen Beigang

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrbereich Innenpolitik der BRD des Instituts für Sozialwissenschaften

Tel: +49 (0)30 2093-66574
steffen.beigang@sowi.hu-berlin.de

Dr. Coskun Canan

Dr. Coskun Canan

Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter Forschungsprojekt "Junge Islambezogene Themen in Deutschland (JUNITED)"

Benjamin Schwarze

Benjamin Schwarze

Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter

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