Projekte

TRANSMIT: Transnational Perspectives on Migration and Integration

TRANSMIT ist ein vom Bundesministerium für Famile, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördertes Verbundprojekt

Beteiligte Verbundpartner:

Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS)
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB, Verbundkoordination)

Hintergrund

Das Wissen um die sozio-ökonomische Integration von Migrant*innen in Deutschland wächst stetig. Jedoch wird die Migration selbst meist retrospektiv, also nach Abschluss des eigentlichen Migrationsprozesses erforscht. Selten wird sie im Zusammenhang mit individuellen Biografien und den sozialen, kulturellen und politischen Kontexten betrachtet, die die Migration bereits vor Ankunft im Zielland prägen. Forschung zu den Lebenswirklichkeiten von Migrant*innen in Herkunfts- und Transitländern wiederum vernachlässigt oft die anschließenden Prozesse der Migration und Integration. Daher ist der Wissenschaft nur wenig darüber bekannt, wie komplexe Prozesse wie Migrationsentscheidung, Erfahrungen während der Migration und Dynamiken der Integration miteinander interagieren. Hauptgrund für diese Forschungslücke ist ein Mangel an geeigneten Daten, die es ermöglichen, Personen in Ursprungs-, Ziel- und Transitländern systematisch zu vergleichen und individuelle Migrationserfahrungen nachzuvollziehen.

Ziel

Innerhalb der DeZIM Forschungsgemscheinschaft (DeZIMFG) verfolgt das TRANSMIT Projekt das Ziel, diese Lücke durch den Aufbau einer langfristig ausgerichteten Dateninfrastruktur zu schließen. Diese Struktur umfasst und verknüpft sowohl qualitative als auch quantitative Daten aus Ursprungs-, Ziel- und Transitländern und ermöglicht so die Erforschung von Integrations- und Migrationsprozessen über längere Zeit (längsschnitt) und nationale Grenzen hinweg (transnational).

Fokus

Geografisch ist TRANSMIT auf zwei Regionen ausgerichtet, die als Ursprungs- und Transitländer besonders relevant für die Migration nach Europa und Deutschland sind: Westafrika (Daten aus dem Senegal, Gambia, Marokko, Nigeria und Deutschland) und der Nahe Osten und Nordafrika (MENA, Daten aus dem Libanon, der Türkei und Deutschland). Die Datenerhebungen schließen (potentiellen) Migrant*innen vor, während und nach deren individuellen Migrationsepisoden, sowie die nicht-migrierende Bevölkerung und relevante Akteursgruppen aus Politik und Gesellschaft ein. Somit werden sowohl individuelle und Familiendynamiken als auch regionalspezifische Charakteristika und politische Entwicklungen in die Analyse einbezogen.

Ausgewählte Forschungsfragen

  • Aus welchen Gründen migrieren manche Personen, während andere dies trotz ähnlicher sozioökonomischer Bedingungen nicht tun?
  • Welche Faktoren beeinflussen die sozioökonomischen und demographischen Charakteristika von migrierenden Gruppen und wie wirkt sich diese Selektivität auf Integrationsprozesse aus?
  • Wie wirken sich (wandelnde) Familienstrukturen sowie Migrations- und Integrationsprozesse aufeinander ein? Wie gestaltet sich dabei die Erfahrung von Frauen in Relation zu anderen Gruppen?
  • Wie wirken sich transnationale soziale Netzwerke (z.B. Familie und Freunde) und der Austausch von Informationen und Wissen auf Migrationsprozesse und Integrationserfahrungen aus?
  • Inwiefern werden diese Prozesse durch Migrationskulturen, Narrative und Vorstellungen der Zielregion beeinflusst und wirken auf diese zurück?

Methodik

Sowohl quantitative (groß angelegte Face-to-Face und online Befragung) und qualitative Ansätze (teilstrukturierte, tiefgehende oder problemzentrierte Interviews unter Migrant*innen, Rückkehrer*innen und Aktivist*innen sowie Dokumentenanalyse) kommen entlang der genannten Migrationsrouten zum Einsatz. Bereits existierende Daten, wie bspw. die IAB-BAMF-SOEP Befragung Geflüchteter in Deutschland, werden ebenfalls für die Erarbeitung und das Testen von Hypothesen herangezogen. Die Verknüpfung dieser vielseitigen Datenquellen ermöglicht es, die individuelle Erfahrung Befragter*, ihre familiären Hintergründe und sozialen Netzwerke mit Migrationsprozessen und Integrationsdynamiken in Bezug zu setzen.

Parallel zum Auf- und Ausbau der stetig wachsenden Dateninfrastruktur, werden die im Rahmen von TRANSMIT erhobenen Daten aus einer multidisziplinären Perspektive analysiert. Ziel sind dabei hochgradig innovative, wissenschaftliche Publikationen sowie die Bereitstellung relevanter Informationen an gesellschaftliche und politische Entscheidungsträger*innen. Die Forschung innerhalb des Projektes dient zudem der methodologischen Erkenntnisgewinnung, die den weiteren Ausbau transnationaler Dateninfrastrukturen, sowohl im Rahmen von TRANSMIT, als auch darüber hinaus, unterstützt.

Forschung am BIM

Innerhalb von TRANSMIT beschäftigt sich das Team am BIM primär mit der Datenerhebung und Forschung in der MENA Region. Ein zentraler Schwerpunkt kommt dabei der Rolle des lokalen politischen und kulturellen Kontextes für das wissenschaftliche Verständnis von Migrationsdynamiken zu. Beispielhaft für diesen Forschungsschwerpunkt ist die Projektarbeit im Libanon, wo die Datenerhebung in einer Zeit der unvorhergesehenen politischen und wirtschaftlichen Krisen stattfand. Die in TRANSMIT erhobenen Daten erlauben es den Forschenden am BIM, Ereignisse wie die Oktober Proteste, die Explosion im Hafen Beiruts oder die libanesische Finanzkrise eng zu verfolgen und nachzuvollziehen, wie diese sich auf das Wohlergehen der lokale libanesische und syrische Bevölkerung, und deren Wunsch und Möglichkeiten zu emigrieren auswirken (Details in dieser Präsentation).

Ein Alleinstellungsmerkmal dieser kontextuellen Forschung am BIM ist die Integration klinischer und sozialpsychologischer Methoden, die in Zusammenarbeit mit der Berliner Charité stattfindet. Diese Methoden eröffnen Einblicke in die physische und psychische Belastung verschiedener Bevölkerungsgruppen und wie diese Belastungen mit Migrationserfahrungen, -aspirationen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen in Zusammenhang stehen.

Aktueller Stand

Unter dem Namen ExiTT (“Exit - Transit - Transformation”) wurde 2018/2019 eine Pilotphase für das TRANSMIT Projekt durchgeführt. Während dieser Pilotphase wurden im Senegal, Gambia, dem Libanon und Deutschland sowohl quantitative als auch qualitative Daten erhoben.

Auf diesem Fundament aufbauend wurden im Rahmen von TRANSMIT weitere quantitative (Längsschnitt-) Befragungen im Libanon (Panel, 2. Welle), der Türkei (Panel, 1. Welle) im Jahr 2020/2021 und Nigeria (Panel, 1. Welle) durchgeführt. In 2020 wurden zudem qualitative Daten zu Westafrikanischen Migrant*innen-Organisationen in Deutschland und zum grenzüberschreitenden Rassismus unter Migrant*innen aus dem Nahen Osten in Deutschland und der Türkei erhoben. Die Erhebung quantitativer Daten auf nationaler Ebene wird zusätzlich durch themenspezifische Module angereichert. Beispiele hierfür sind Online-Befragungen anlässlich der Proteste im Libanon im Oktober 2019, zu psychologischen Belastung im Libanon 2021, sowie eine Befragung einer großen Zahl potentiell Migrierender in einem Migrations-Drehkreuz in Gambia 2019.

Erste Forschungsergebnisse wurden und werden bereits innerhalb der DeZIMFG und bei internationalen Konferenzen, wie der 3. Konferenz des Netzwerks Fluchtforschung (2020) und der 18. jährlichen IMISCOE Konferenz (2021), präsentiert. Eine Liste der zuletzt im Rahmen von TRANSMIT erarbeiteten Publikation (Stand Mai 2021) wird untenstehend angeführt.

Nächste Schritte

Weiter Längsschnitterhebungen sind für die Türkei, den Libanon, Nigeria und Gambia geplant. Quantitative und qualitative Feldforschung ist zudem 2022 in Deutschland vorgesehen. Die qualitative Datenerhebung, die sich auf den Senegal und Gambia konzentriert, wird durch Umfragen in Marokko komplementiert, um so die Situation und Entscheidungsfindung westafrikanischer Migrant*innen im Transit nach Europa besser nachvollziehen zu können. Der Zeitpunkt bzw. die Umsetzbarkeit dieser Pläne hängt von der Entwicklung der COVID-19 Pandemie ab. Wie die Pandemie sich wiederum auf die Situation der lokalen Bevölkerung sowie auf Mobilitätsdynamiken auswirkt, wird auch im Rahmen der Forschung im TRANSMIT Projekt thematisiert.

Publikationen

  • Talebi, N. (2021) Die Unsicherheit ist Teil des Leids. Bundeszentrale für Politische Bildung. Link
  • Rischke, R. & Talebi, N. (2021). Lebanon at a Critical Conjuncture: Perspectives of Syrians and Lebanese in Lebanon 2019-2021, SSRN Research Network. Link
  • Brücker, H., Gundacker, L., Hauptman, A., Jaschke, P., (2021). Arbeitsmarktwirkungen der COVID-19-Pandemie: Stabile Beschäftigung, aber steigende Arbeitslosigkeit von Migrantinnen und Migranten. IAB-Kurzbericht 09/2021. Link
  • Tarraf, N. (2021), Big Five Inventory Questionnaire, Arabic Translation. GESIS Erhebungsinstrumente. Link
  • Altrogge, J. & Auer, D. (2020). Zurück ins Herkunftsland? Warum eine „geringe Bleibeperspektive“ für Asylsuchende aus Gambia kein Grund zur Rückkehr ist. DeZIMinutes Nr. 2. Link
  • Bogatzki, T. & Stier, J. (2020). Unerfüllte Wünsche. Für Frauen aus Gambia und dem Senegal ist Auswandern schwieriger als für Männer. WZB-Mitteilungen. Link
  • Stier, J. (2020). Senegalesische Corona-Songs als Sensibilisierungs- und Informationsquelle für wolofsprachige Geflüchtete und Migrant*innen. Zeitschrift für Flucht- und Flüchtlingsforschung. Link
  • Tuki, D. (2020). Brandbeschleuniger: Die Corona-Pandemie verschärft Nigerias soziale und ökonomische Probleme. WZB-Mitteilungen. Link

Projektleitung:
Prof. Dr. Herbert Brücker (IAB)
Prof. Dr. Naika Foroutan (BIM)
Prof. Dr. Frank Kalter (MZES)
Prof. Dr. Ruud Koopmans (WZB)
Prof. Dr. Andreas Pott (IMIS)
Prof. Dr. Helen Schwenken (IMIS)

Personen

Prof. Dr. Herbert Brücker

Prof. Dr. Herbert Brücker

Direktor, Leiter der Abteilung "Ökonomische Migrations- und Integrationsforschung"

Tel: +49 (0)30 2093-46255
herbert.bruecker@hu-berlin.de

Prof. Dr. Naika Foroutan

Prof. Dr. Naika Foroutan

Direktorin, Leiterin der Abteilung "Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik"

Tel: +49 (0)30 2093-46255
bim.direktorium@hu-berlin.de

Prof. Dr. Ulrike Kluge

Prof. Dr. Ulrike Kluge

Leiterin der Abteilung "Migration und Gesundheit"; Professorin für Psychologische und medizinische Integrations- und Migrationsforschung an der Charité Universitätsmedizin Berlin

Tel: +49 (0)30 45051-7113
ulrike.kluge@charite.de

Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz

Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz

Co-Leiter der Abteilung "Migration und Gesundheit"; Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité

Tel: +49 (0)30 45051-7002
Fax: +49 (0)30 45051-7921
andreas.heinz@charite.de

Dr. Ramona Rischke

Dr. Ramona Rischke

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Leitung Nachwuchsforschungsgruppe, Projekt ExiTT

Dr. Nader Talebi

Dr. Nader Talebi

Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Gastdozent der Abteilung "Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik"

Tel: +49 (0)30 2093-46262
Talebina@hu-berlin.de

Judith Köhler

Judith Köhler

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Tel: +49 30 2093 46262
judith.koehler@hu-berlin.de

Simon Ruhnke

Simon Ruhnke

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt TRANSMIT

Nora Tarraf

Nora Tarraf

Studentische Hilfskraft im Projekt "ExiTT: Exit - Transit - Transformation"