Humboldt-Universität zu Berlin - Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)

TRANSMIT – Transnational Perspectives on Migration and Integration

Laufzeit: Januar 2020 – Dezember 2024; Abteilungen: Ökonomische Migrations- und Integrationsforschung
; Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik

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Hintergrund



Das Wissen um die sozio-ökonomische Integration von Migrant*innen in Deutschland wächst stetig. Jedoch wird die Migration selbst meist retrospektiv, also nach Abschluss des eigentlichen Migrationsprozesses erforscht. Selten wird sie im Zusammenhang mit individuellen Biografien und den sozialen, kulturellen und politischen Kontexten betrachtet, die die Migration bereits vor Ankunft im Zielland prägen.

Forschung zu den Lebenswirklichkeiten von Migrant*innen in Herkunfts- und Transitländern wiederum vernachlässigt oft die anschließenden Prozesse der Migration und Integration. Daher ist der Wissenschaft nur wenig darüber bekannt, wie komplexe Prozesse wie Migrationsentscheidung, Erfahrungen während der Migration und Dynamiken der Integration miteinander interagieren. Hauptgrund für diese Forschungslücke ist ein Mangel an geeigneten Daten, die es ermöglichen, Personen in Ursprungs-, Ziel- und Transitländern systematisch zu vergleichen und individuelle Migrationserfahrungen nachzuvollziehen.


Ziel



Innerhalb der DeZIM Forschungsgemscheinschaft (DeZIMFG) verfolgt das TRANSMIT Projekt das Ziel, diese Lücke durch den Aufbau einer langfristig ausgerichteten Dateninfrastruktur zu schließen. Diese Struktur umfasst und verknüpft sowohl qualitative als auch quantitative Daten aus Ursprungs-, Ziel- und Transitländern und ermöglicht so die Erforschung von Integrations- und Migrationsprozessen über längere Zeit (längsschnitt) und nationale Grenzen hinweg (transnational).


Fokus



Geografisch ist TRANSMIT auf zwei Regionen ausgerichtet, die als Ursprungs- und Transitländer besonders relevant für die Migration nach Europa und Deutschland sind: Westafrika (Daten aus dem Senegal, Gambia, Marokko, Nigeria und Deutschland) und der Nahe Osten und Nordafrika (MENA, Daten aus dem Libanon, der Türkei und Deutschland). Die Datenerhebungen schließen (potentiellen) Migrant*innen vor, während und nach deren individuellen Migrationsepisoden, sowie die nicht-migrierende Bevölkerung und relevante Akteursgruppen aus Politik und Gesellschaft ein. Somit werden sowohl individuelle und Familiendynamiken als auch regionalspezifische Charakteristika und politische Entwicklungen in die Analyse einbezogen.


Ausgewählte Forschungsfragen



Die Forschung im Rahmen des TRANSMIT Forschungsverbundes strukturiert sich entlang von drei zentralen Themenfeldern:

1) (Selbst)Selektionseffekte entlang von Migrationsrouten
2) Dynamiken des sozialen Zusammenhalts und sozialer Aushandlungsprozesse
3) Lebensrealitäten und Wohlergehen von (potenziellen) Migrant*innen

Durch die gemeinsame Bearbeitung der drei Themenfelder lassen sich komplexe Zusammenhänge erkennen und untersuchen. Beispielhaft hierfür sind folgende Fragestellungen:

  • Welche Dynamiken und Rahmenbedingungen wirken zusammen, damit manche Menschen migrieren oder migrieren wollen, während andere dies unter ähnlichen sozioökonomischen Umständen nicht tun?
  • Wie hängt die Selektivität von Migrationswünschen und -möglichkeiten mit Integrationsprozessen und dem sozialen Zusammenhalt zusammen?
  • Welche Rolle spielen Rassismus und Diskriminierungserfahrungen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, wie ausgeprägt sind diese Erfahrungen in unseren Studienkontexten und welche grenzüberschreitenden Zusammenhänge lassen sich dabei identifizieren?
  • Welche Faktoren spielen in unterschiedlichen transnationalen Familienkonstellationen eine Rolle für Teilhabechancen und Integrationsverläufe?
  • Welche Gruppen/Kohorten können identifiziert werden, für die sich systematische Unterschiede erkennen lassen (z.B. alleinerziehende Frauen, unterschiedliche Formen von Erwerbstätigkeit oder junge Menschen, die sich sozial engagieren)?
  • Welche intersektionalen Formen von Benachteiligungen, Handlungszwängen und Unterstützungsbedarfen lassen sich daraus ableiten?


Methodik



Sowohl quantitative (groß angelegte Face-to-Face und online Befragung) und qualitative Ansätze (teilstrukturierte, tiefgehende oder problemzentrierte Interviews unter Migrant*innen, Rückkehrer*innen und Aktivist*innen sowie Dokumentenanalyse) kommen entlang der genannten Migrationsrouten zum Einsatz.

Bereits existierende Daten wie bspw. die IAB-BAMF-SOEP Befragung Geflüchteter in Deutschland werden ebenfalls für die Erarbeitung und das Testen von Hypothesen herangezogen. Die Verknüpfung dieser vielseitigen Datenquellen ermöglicht es, die individuelle Erfahrung Befragter*, ihre familiären Hintergründe und soziale Netzwerke mit Migrationsprozessen und Integrationsdynamiken in Bezug zu setzen.

Parallel zum Auf- und Ausbau der stetig wachsenden Dateninfrastruktur, werden die im Rahmen von TRANSMIT erhobenen Daten aus einer multidisziplinären Perspektive analysiert. Das Ziel sind dabei hochgradig innovative, wissenschaftliche Publikationen sowie die Bereitstellung relevanter Informationen an gesellschaftliche und politische Entscheidungsträger*innen.

Die Forschung innerhalb des Projektes dient zudem der methodologischen Erkenntnisgewinnung, die den weiteren Ausbau transnationaler Dateninfrastrukturen, sowohl im Rahmen von TRANSMIT, als auch darüber hinaus, unterstützt.


Nächste Schritte


Unter dem Namen ExiTT (“Exit - Transit - Transformation”) wurde 2018/2019 eine Pilotphase für das TRANSMIT Projekt durchgeführt. Während dieser Pilotphase wurden im Senegal, Gambia, dem Libanon und Deutschland sowohl quantitative als auch qualitative Daten erhoben.

Auf diesem Fundament aufbauend wurden im Rahmen von TRANSMIT zwischen 2020 und 2022 weitere quantitative (Längsschnitt-) Befragungen im Libanon,  der Türkei, Nigeria, Gambia und dem Senegal durchgeführt. Zudem wurden qualitative Interviews mit Migrant*innen in Deutschland, der Türkei, Italien, Marokko, Gambia und dem Senegal durchgeführt.

Die Erhebung quantitativer Daten auf nationaler Ebene wird zusätzlich durch themenspezifische Module angereichert. Beispiele hierfür sind Online-Befragungen anlässlich der Proteste im Libanon im Oktober 2019, zu psychologischen Belastung im Libanon 2021, sowie eine Befragung einer großen Zahl potentiell Migrierender in einem Migrations-Drehkreuz in Gambia 2019. Eine deutschlandweit erste repräsentative Befragung Westafrikanischer Migrant*innen in Deutschland geht 2022 ins Feld.


Forschung am BIM


Innerhalb von TRANSMIT beschäftigt sich das Team am BIM primär mit der Datenerhebung und Forschung in der MENA Region. Ein zentraler Schwerpunkt kommt dabei der Rolle des lokalen politischen und kulturellen Kontextes für das wissenschaftliche Verständnis von Migrationsdynamiken zu. Beispielhaft für diesen Forschungsschwerpunkt ist die Projektarbeit im Libanon, wo die Datenerhebung in einer Zeit der unvorhergesehenen politischen und wirtschaftlichen Krisen stattfand. Die in TRANSMIT erhobenen Daten erlauben es den Forschenden am BIM, Ereignisse wie die Oktober Proteste, die Explosion im Hafen Beiruts oder die libanesische Finanzkrise eng zu verfolgen und nachzuvollziehen, wie diese sich auf das Wohlergehen der lokale libanesische und syrische Bevölkerung, und deren Wunsch und Möglichkeiten zu emigrieren auswirken (s. Bericht).

Ein Alleinstellungsmerkmal dieser kontextuellen Forschung am BIM ist die Integration von Methoden der klinischen und Sozialpsychologie, die in Zusammenarbeit mit der berliner Charité stattfindet. Diese Methoden eröffnen Einblicke in die physische und psychische Belastung verschiedener Bevölkerungsgruppen und wie diese Belastungen mit Migrationserfahrungen, -aspirationen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen in Zusammenhang stehen.


Verbundpartner

 


Projektleitung


 

  • Prof. Dr. Herbert Brücker (IAB)
  • Prof. Dr. Naika Foroutan (BIM)
  • Prof. Dr. Frank Kalter (MZES)
  • Prof. Dr. Ruud Koopmans (WZB)
  • Prof. Dr. Helen Schwenken (IMIS)


Projektmitarbeiter*innen


 

  • Judith Altrogge (IMIS)
  • Tamara Bogatzki (WZB)
  • Lidwina Gundacker (IAB)
  • Prof. Dr. Ulrike Kluge (Charité)
  • Judith Köhler (BIM)
  • Dr. Irene Pañeda Fernández (WZB, Forschungskoordination)
  • Simon Ruhnke (BIM, Forschungskoordination)
  • Dr. Hamza Safouane (IMIS)
  • Julia Stier (WZB)
  • Dr. Nader Talebi (BIM)
  • Nora Kühnert (BIM)
  • Daniel Tuki (WZB)
  • Assoziiertes Mitglied: Salam Alhaj Hasan


Ehemalige Mitglieder


 

  • Dr. Daniel Auer (WZB)
  • Dr. Julia Kleinewiese (MZES)
  • Prof. Dr. Andreas Pott (IMIS)
  • Dr. Max Schaub (WZB)
  • Dr. Ramona Rischke (BIM)





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